Was ist CompassMitte für jemanden wie mich, der zwar erst seit wenigen Jahren Mitglied der CDU ist, aber dennoch seit Bestehen seines politischen Bewusstseins die Union stets als Kanzlerpartei sehen wollte?

CompassMitte ist eine Basis-Bewegung, mit vielen Vertretern aus dem oft beschworenen Maschinenraum der Partei, der Kommunalpolitik. Näher an den Bürgerinnen und Bürgern, an den Wählern, kann man nicht sein! Der Schluss liegt nahe, dass gerade diese Ebene der Partei den Finger am Puls der Bevölkerung hat. Und dieser Puls schlägt meistens eben nicht im Takt ideologischer Richtungen.

Ich bin mit meinen Mitstreitern angetreten, um die Unionsparteien daran zu erinnern, was sie wirklich groß gemacht hat: Die Ausstrahlung bis weit in die Mitte, jenseits sogenannter konservativer, „bürgerlicher“ Kreise, welchen Inhalt dieser schwammige Begriff heute auch noch haben mag. Die in bestimmten Kreisen der Union verbreitete Erzählung, Angela Merkel habe die Partei nicht einfach nur in die Mitte, sondern gleichsam nach „links“ geführt, ist verkürzt und verfehlt die historische Entwicklung.

Denn es war eben jene Anschlussfähigkeit an das Zentrum dieser Gesellschaft, welche der Union in Jahren schleichender Erosion der Volksparteien entgegen dem Trend noch breite Wählerschichten sicherte und Wahlsiege ermöglichte, die heute in weiter Ferne scheinen. Damit ist keine Ausblendung der Fehler und Versäumnisse dieser Ära verbunden, die sich nicht nur, angesichts ständigen Krisenmanagements, in mangelnden Weichenstellungen für die Zukunft manifestierten, sondern auch in einem mancherorts erlahmten Selbstfindungsprozess innerhalb der Union. Dass die Partei sich nach dem Ende der Ära Merkel neu verorten musste, war richtig. Das gehört zum Gang der Zeit, zu wechselnden Umständen, wie bereits etwa nach dem Ende der Ära Adenauer oder der Ära Kohl.

Aber zugleich ist ein „Zurück“ keine Option! So oft wurde nach der verlorenen Bundestagswahl 2021 geäußert „Wir müssen wieder konservativer werden!“ oder „Die CDU muss zurück zu ihrem Kern!“. Was heißt das nun? Ein Rollback der Fortschritte, die in den 2000er Jahren gemacht wurden? Ein psychologisches Regressionsverhalten, gleich der individuellen Sehnsucht nach der eigenen Kindheit? Mit den Rezepten von gestern ins Morgen?

Man ahnt, wie wenig zukunftsweisend solche Konzepte sind, weder im persönlichen Leben noch im kollektiven Miteinander. Gemäß dem biblischen Grundsatz „Prüft aber alles und das Gute behaltet“ (1. Thess 5,21) betrifft das Bewahren, das Konservative im Wortsinne, nicht nur das Bewahrenswerte aus der fernen (dazu oftmals sogar nur verklärten!) Vergangenheit, sondern auch das Bewahrenswerte aus der jüngeren Vergangenheit. Wenn die Union also 2013 noch 41% erreichen konnte oder 2017 immerhin noch 33% (selbst das liegt heute in weiter Ferne), dann muss sie einfach irgendetwas richtig gemacht haben.

Strategien einer „asymmetrischen Mobilisierung“ hin oder her, ein großer Teil der deutschen Wählerschaft empfand die CDU Angela Merkels als durchaus sympathisch, jedenfalls sympathisch genug, um ihr über viele Jahre die Verantwortung für unser Land anzuvertrauen. Heute wiederum ist sympathisch ein Ausdruck, der einem mit Blick auf die Unionsparteien schwer über die Lippen kommt. Die ersten Monate der neuen Bundesregierung waren überschattet von Scheindebatten über Richterwahlen, „Stadtbild“ und Co., während den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes der Schuh ganz woanders drückt: Ja, auch Migration ist prominent dabei. Aber eben auch (und für das Alltagsleben zuvorderst) die wirtschaftliche Lage, die explodierenden Lebenshaltungskosten, die Wohnungsnot, der russische Angriffskrieg und die Gewissheit, dass man sich auf den wichtigsten Verbündeten nicht mehr verlassen kann.

Daher bedeutet Mitte für uns vor allem: Fokus auf die Themen, die den Alltag der Menschen am ehesten bestimmen. Und dazu gehört gewiss kein Kulturkampf, den die Wenigsten in der Intensität wahrnehmen, wie es eine Parteibasis zuweilen tut, deren Blick von ihren politischen Grabenkämpfen teils versperrt wird. Es geht hierbei nicht um „Merkel oder Merz“; es geht um eine Union, die Platz für Beide hat. Und das will CompassMitte abbilden: Keine zusätzliche Interessengruppe, kein Flügel, sondern eine Plattform für die Signatur der Christdemokratie, Maß und Mitte. Daher genügt es nicht darauf zu verweisen, man hätte doch die MIT oder die CDA usw. und damit genug innerparteiliche Bandbreite. Die Erzählung der Gesamtpartei wird dennoch von einer konservativen Note bestimmt, die bei zu vielen Wählern in der Mitte der Gesellschaft als Rückwärtsgewandheit anmutet und in der Folge Abwehrreflexe auslöst.

Es braucht zur Lösung dessen keinen Flügelkampf, kein „liberale CDA vs. konservative MIT“, sondern eine Besinnung auf die eigentlichen Werte der Christdemokratie, die durchaus zukunftsfreudig ist. Wir haben unter unseren Unterstützern sowohl MIT- als auch CDA-Mitglieder, sowie Angehörige der anderen verschiedenen Vereinigungen innerhalb der Union.

Was allen gemein ist: Der Inhalt muss stimmen, aber auch der Ton muss stimmen! Egal, ob man sich als Mittelständler, Arbeitnehmer, junger oder alter Mensch in der Union engagiert, es braucht einen Blick für das Wesentliche. Dazu gehört auch Maß halten in der Rhetorik, sei es als Amtsträger am Rednerpult oder als Parteigänger auf Social Media. Dadurch vermeidet man den Eindruck, man laufe nur den Extremisten von der AfD hinterher, wobei letztlich dann doch eher das Original gewählt wird. Stattdessen wird auf diese Art klar: CDU/CSU machen ihr eigenes Angebot für die demokratische Mitte und übernehmen gleichzeitig die Füllung der Leerstellen, die die linkeren Parteien lassen. So wird die Union zum Bollwerk der Republik. Als Kraft der Mitte, die in Inhalt und Stil Maßstäbe setzt, Vorbild ist und ihre eigenen Werte konsequent lebt.